Agiles Projektmanagement – Skalierte agile Methoden

Teil 7: Skalierte agile Methoden Teil 1/ SoS, LeSS und ES

Bislang haben wir uns in der RFC Blogreihe zum agilen Projektmanagement hauptsächlich mit den unterschiedlichen Werten, Prinzipien und Methoden beschäftigt. Bei der Beschreibung der Methoden haben wir uns dabei immer absichtlich auf ein agiles Team beschränkt, ohne uns mit der Möglichkeit der Skalierbarkeit agiler Methoden auseinanderzusetzen. Wie können agile Methoden auf ein größeres Projekt oder auch auf eine ganze Organisation skaliert werden? Hierzu gibt es eine Menge Ansätze, die wir in diesem und im nächsten Blog vorstellen möchten. Im ersten Teil dreht sich alles um die Skalierung der Scrum-Methode.

SoS – Scrum of Scrums

Wird in einem Scrum-Projekt die ideale Teamgröße von bis zu neun Personen wesentlich überschritten, sollten mehrere Teams gebildet werden. Jedes Team funktioniert dabei erstmal eigenständig, verwaltet eigene Backlogs und führt eigene Daily Stand Up Meetings durch. Damit eine Abstimmung zwischen den einzelnen Scrum-Teams erfolgen kann, werden zwei bis dreimal wöchentlich oder auch täglich sogenannte Scrum of Scrums (SoS) abgehalten. Dazu wird jeweils ein Mitglied von jedem Team in das Meeting entsendet. Das SoS läuft ähnlich wie das Daily Stand Up. Jeder Vertreter aus den Teams berichtet über die fertiggestellte Arbeit, die nächsten geplanten Arbeiten, sowie über aktuelle und mögliche zukünftige Hindernisse. So soll sichergestellt sein, dass die Teams ihre Arbeit koordinieren, Hindernisse beseitigen und so effizient wie möglich arbeiten können. Das Prinzip des SoS kann bei großen Projekten noch weiter ausgeweitet werden. So findet häufig ein „Scrum of Scrum of Scrums“ nach demselben Muster wie das SoS statt. In diesem Meeting berichten dann Vertreter aus den einzelnen SoS über die Fortschritte der Teams.



Abbildung 1: Scrum of Scrums


LeSS – Large Scale Scrum

Large Scale Scrum (LeSS) ist ein Framework zur Ausrichtung mehrerer Entwicklungsteams auf ein gemeinsames Ziel. Es ist ausgelegt auf Entwicklungsprojekte mit einer Größe von zwei bis zu acht Teams. Übersteigt die Größe des Entwicklungsprojektes acht Teams, sollte das LeSS Huge Framework angewendet werden. Kernprinzip des Frameworks ist es, möglichst viele Elemente des herkömmlichen Scrum unverändert weiter zu nutzen. Der Entwickler des Frameworks, Craig Larmann, beschreibt LeSS daher auch wie folgt: „LeSS is Scrum!“. Es gibt keine zusätzlichen Rollen, Artefakte oder Meetings, die man nicht von Scrum bereits kennt. Modellerweiterungen, die zu Verwirrung und mehr Komplexität führen, werden so minimiert. Die folgende Tabelle stellt Gemeinsamkeiten und Unterschiede von LeSS und Scrum gegenüber:

Gemeinsamkeiten von LeSS – Scrum Unterschiede zwischen LeSS – Scrum
  • Ein gemeinsames Product Backlog
  • Eine „Definition of Done“ für alle Teams
  • Ein gemeinsames integriertes Produkt/ Inkrement am Ende des Sprintsg
  • Ein Product Owner
  • Cross-Funktionale Teams
  • Ein gemeinsamer Sprint für alle Teams
  • Die Sprint Planung ist in zwei Teile unterteilt:
    1. Was wird gemacht?
    2. Wie wird es gemacht?
    Der erste Teil wird in einem Termin mit dem Product Owner und Vertretern der Teams durchgeführt. Der zweite Teil findet innerhalb der einzelnen Sprint-Teams statt.
  • Die Koordination zwischen den Teams, sollte dezentral durch die Teams selbst erfolgen.
  • Notwendige Abstimmungen während des Sprints finden in selbständig eingerichteten „Communities of Practice“ statt.
  • Es gibt ein übergreifendes Backlog Refinement über alle Teams.
  • Neben der Team-Retrospektive gibt es eine übergreifende Retrospektive, die auf den Ergebnissen der einzelnen Retroperspektiven basiert.

Tabelle 1: LeSS vs. Scrum


Es ist deutlich erkennbar, dass LeSS nur eine kleine Erweiterung von Scrum darstellt. Ein paar Dinge kommen hinzu, die die Abhängigkeiten zwischen den Teams steuern und den Umgang mit einer Vielzahl von Teams koordinieren. Alles andere folgt den Prinzipien des agilen Projektmanagements.

ES – Enterprise Scrum

Enterprise Scrum (ES) ist ein Framework, das zum Ziel hat, die Scrum-Methodik in der gesamten Organisation anzuwenden und sich nicht nur auf die Entwicklungsarbeit für ein einzelnes Produkt zu beschränken. Es verallgemeinert die Scrum-Methodik in einer Art und Weise, dass sie leicht auf sämtliche Unternehmensbereiche und Großprojekte angewendet werden kann. Bedarfsweise wird die Scrum-Methodik mit zusätzlichen Methoden skaliert. Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl der wesentlichen Unterschiede zwischen Scrum und Enterprise Scrum auf.

Scrum Enterprise Scrum
Für Produktentwicklung Für alle Bereiche von skalierbarem agilem Management
Product Owner – Eigentümer des Produkts Business Owner – Eigentümer eines Geschäftsbereiches, ist eine Rolle, die nicht unbedingt von einer Person ausgefüllt werden muss. Rolle wurde erweitert um integrierte agile Führung (Vision und Support).
Scrum Master – Coach des Scrum Teams für die Produktentwicklung Enterprise Scrum Coach. Konfiguriert das ES Framework und coacht das Enterprise Scrum Team.
Team – entwickelt das Produkt, die Software Team – macht jede Art von Arbeit
Business Value ist nicht explizit definiert Business Value ist genau definiert.
Produkt Backlog – Liste der Tätigkeiten zur Entwicklung des Produktes Value List – Liste von Aktivitäten um Werte zu schaffen.
Sprint – Timebox von 1 – 4 Wochen um folgendes zu tun (Plan, Work, Review, Retroperspektive, Refinement) Cycle – frei konfigurierbare Timebox (von 1 Stunde bis zu einem Jahr) mit konfigurierbaren Inhalten (Planung, Zusammenarbeit, Review, Improve). Kleinere Cycles dürfen Teil von größeren Cycles sein.
Daily Scrums – sind Pflicht Daily Scrum – ist optional
Scrum Board – für Produktentwicklung Enterprise Scrum Board – für generelle Zwecke, ähnlicher Workflow aber mit übergeordneter Vision und initialer Werte-Liste
Velocity – als einziges Maß für Produktivität Prozesse
Entwicklungsprojekte, kleine Teams Unterschiedliche Metriken für diverse Zwecke
Verschiedene Konfigurationen und Parameter
Konfigurierbare Techniken

Tabelle 2: Unterschiede Scrum vs. Enterprise Scrum


Die Absicht von Enterprise Scrum ist der Einsatz von agilen Ansätzen über die Projektausführung hinaus, indem man disruptive Innovation ermöglicht.

Fazit:

Während sich die Methoden SoS und LeSS auf die Koordination mehrerer Teams innerhalb eines Programmes bzw. eines Projektes konzentrieren, versucht ES die Methodik auf die gesamte Organisation auszubreiten und verfolgt damit als zentrales Instrument, eine agile Organisation zu schaffen. Um dieses Ziel in der Organisation zu erreichen, ist ein Change-Management erforderlich, welches sowohl das Management als auch die Mitarbeiter gemeinsam auf dem Weg zum Ziel eng begleiten muss.

Ausblick:

Im nächsten Blog stellen wir Ihnen zwei weitere Methoden vor, die zum Ziel haben, agile Methoden auf das gesamte Unternehmen zu skalieren.

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Übersicht aller Blogs unserer RFC Blogreihe Agiles Projektmanagement

Blog 1: VUCA und die Folgen für Unternehmen – Warum „Agiles Projektmanagement“?

Blog 2: Systematik des agilen Projektmanagements. Werte, Prinzipien, Techniken und Methoden – Was ist „Agiles Projektmanagement“?

Blog 3: Scrum ist eine der bekanntesten agilen Methoden – Was ist „Scrum“?

Blog 4: Kanban ist eine agile Methode für evolutionäres Change-Management – Wie funktioniert Kanban?

Blog 5: Beschreibung von XP, FDD und Agile Up

Blog 6: Testen im agilen Umfeld – Was bedeutet das?

Blog 7: Beschreibung von skalierten Methoden Teil 1: / SoS, LeSS und ES

Blog 8: Beschreibung von skalierten Methoden Teil 2 / SAFe und DA

Blog 9: Entscheidungsfindung – die Ermittlung der passenden Vorgehensweise

Blog 10: Hybrides Projektmanagement: Das Beste aus beiden Welten?

Blog 11: Agile Transition: Der Change-Management-Prozess in der Organisation

Blog 12: Menschen im agilen Umfeld / Herausforderungen und Lösungen für Veränderungsprozesse.

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Steffen Hahn

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Torsten Lindlahr

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Hans Willhoeft

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