ORSA – Herzstück von Solvency II

Grundsätzlich unterliegt der ORSA (Own Risk and Solvency Assessment), geregelt im §45 der Solvency II-Rahmenrichtlinie (SII-RRL), auch den Grundsätzen der Proportionalität. Es werden keine aufsichtsrechtlichen Methoden vorgeschrieben, die für die Beurteilung des Gesamtsolvabilitätsbedarfes zum Tragen kommen müssen. Das bedeutet für die BaFin allerdings auch, dass pauschal keine Methoden vorgegeben werden, die als Erleichterung akzeptiert werden. Wie so oft unter Solvency II ist also der „Weg das Ziel“, was dem Leitgedanken des prinzipienbasierenden Ansatzes geschuldet ist.

Zu beachten ist im Rahmen des ORSA Prozesses auf jeden Fall das allem übergeordnete Ziel von Solvency II: „Versicherungsunternehmen müssen dafür sorgen, dass sie ständig ihre Solvabilitätskapitalanforderung (SCR) und ihre Mindestkapitalanforderung (MCR) mit anrechnungsfähigen Eigenmitteln bedecken können um im Falle einer Beanspruchung durch den Versicherungsnehmer diese zu jeder Zeit erfüllen zu können.“

Dokumentation
Klargestellt seitens der Aufsichtsgremien wird allerdings, dass auf der einen Seite auf Dokumentationsanforderungen in keinster Weise verzichtet werden kann, auf der anderen Seite hierzu auf jegliche Vorgabe zur Struktur oder Inhalt des ORSA Berichtes verzichtet wird. Neben schriftlichen Leitlinien muss jeder Versicherer über eine Dokumentation jedes individuellen ORSA Prozesses verfügen und einen internen Bericht sowie einen Bericht an die Aufsichtsbehörde anfertigen und kommunizieren. Diese Unterlagen sollen verschiedenen Zwecken dienen:

  • Die ORSA Leitlinien beschreiben den Soll-Ablauf des ORSA
  • Die Prozess-Dokumentation hält vor allem den In-und Output jedes individuellen ORSA fest
  • Die Berichte über den ORSA dienen der Information über die wichtigsten Grundlagen, Erkenntnisse und Folgerungen aus einem ORSA Prozess.

Die Dokumentation muss ausreichend ausführlich sein um sicherzustellen, dass ein sachkundiger Dritter den ORSA Prozess nachvollziehen und sich ein Urteil über seine Durchführung und seine Ergebnisse bilden kann. Mit dem ORSA Bericht wird die Aufsichtsbehörde über die Ergebnisse des ORSA, die seiner Durchführung zugrundeliegenden Annahmen und Methoden sowie die Schlussfolgerungen und Konsequenzen informiert, die das Unternehmen aus dem ORSA zieht. In dem Bericht ist auch konkret darauf einzugehen, inwiefern das Unternehmen die aus dem ORSA gewonnen Ergebnisse und Erkenntnisse in sein Kapitalmanagement, seine geschäftliche Planung und die Entwicklung und Konzeption neuer Produkte einfließen lässt.

Zeitpunkt
Es wird zwischen einem regelmäßigen und einem nichtregelmäßigen ORSA unterschieden. Der regelmäßige ORSA ist mindestens einmal jährlich durchzuführen. Der nicht regelmäßige ORSA ist anlassbezogen immer dann durchzuführen, wenn sich das Risikoprofil des Unternehmens wesentlich verändert hat. Das ist immer dann der Fall, wenn sich Art, Umfang oder die Bewertung der Risiken eines Unternehmens signifikant verändern – etwa bei der Einführung eines neuen Produktes.

Verantwortlichkeiten
Den Mitgliedern des Vorstandes kommt im Rahmen des ORSA eine aktive Rolle zu. Es reicht nicht aus, das Ergebnis des ORSA passiv in Empfang zu nehmen. Jedes Mitglied des Vorstandes muss – wenn auch nicht in der gleichen Detailtiefe – die Risiken verstehen, denen das Unternehmen ausgesetzt ist und welcher Kapitalbedarf sich daraus für das Unternehmen ergibt. Es handelt sich dabei um ein Kriterium, das auch für die Beurteilung der fachlichen Qualifikation eines Geschäftsleiters relevant ist.

Die Mitglieder des Vorstandes müssen für eine angemessene Ausgestaltung des ORSA sorgen und dessen Durchführung steuern. Sie müssen die Risikoidentifikation und deren Beurteilung und die zugrundeliegenden Annahmen hinterfragen, d. h. gegebenenfalls auch eingreifen, wenn sie Annahmen oder Ergebnisse nicht für angemessen halten.

Ergebnisse
Im Rahmen des Risikomanagementsystems müssen bei einem ORSA zumindest folgende Punkte bewertet werden:

  • Den Gesamtsolvabitiätsbedarf unter Berücksichtigung des spezifischen Risikoprofils, der genehmigten Risikotoleranzschwellen und der Geschäftsstrategie des Unternehmens
  • Die kontinuierliche Einhaltung der Eigenkapitalanforderungen und der Anforderungen der versicherungstechnischen Rückstellungen.
  • Die Signifikanz der Abweichung des Risikoprofils des betreffenden Unternehmens von den Annahmen, die der Solvenzkapitalanforderung zugrunde liegen.

Der ORSA liefert wichtige Informationen über die Risikosituation eines Versicherungsunternehmens sowie die erwartete Entwicklung und den sich daraus für das Unternehmen ergebende Kapitalbedarf.

Beurteilung
Ein Unternehmen hat alle materiellen Risiken zu berücksichtigen, denen es mittel- und gegebenenfalls auch langfristig ausgesetzt ist oder ausgesetzt sein könnte. Dies gilt unabhängig davon, ob diese Risiken in der SCR Standardformel erfasst werden oder nicht. Sowohl die Geschäftsstrategie als auch weitere strategische und wichtige Entscheidungen des Unternehmens sind bei der vorausschauenden Beurteilung des Gesamtsolvabilitätsbedarfs und der aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen zu berücksichtigen. Unternehmen müssen bei ihren strategischen Planungen sicherstellen, dass der sich aus strategischen Entscheidungen ergebende aufsichtsrechtliche Kapitalbedarf im Rahmen des ORSA ermittelt wurde und sich das Unternehmen diesen Kapitalbedarf – ggfs. nach Ergreifen bestimmter erforderlicher Maßnahmen – auch leisten kann, ohne die jederzeitige Einhaltung der aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen aufs Spiel zu setzen.

In Bezug auf die Beurteilung der Signifikanz der Abweichung des Risikoprofils muss die Dokumentation des ORSA Prozesses festhalten, von welchen Annahmen das Unternehmen bei seiner Beurteilung ausgegangen ist, welche Feststellungen zu Abweichungen aus welchen Gründen getroffen worden sind und, soweit eine Quantifizierung erfolgt ist, wie und mit welchem Ergebnis diese durchgeführt wurde.

Unterstützung
Auch wenn der jeweilige Vorstand des Versicherungsunternehmens federführend für den ORSA zuständig ist, steht es ihm frei hier auch Hilfestellungen zu Durchführungsmaßnahmen zu Nutzen. Eine Hilfestellung kann hier der Einsatz von Beratern der RFC Professionals GmbH sein, die im Rahmen von Workshops, Analysen, Berechnungen und Annahmen eine vorausschauende Beurteilung des Bedarfs an Kapital und anderen Mitteln, die ein Unternehmen zur Absicherung der Risiken benötigt, denen es ausgesetzt ist, durchführt. Sprechen Sie uns hierzu gerne an – wir freuen uns auf Sie!

Alexander Wolf

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