NPL und Ausfalldefinition im Fokus der Aufsicht

Das Thema NPL und Ausfalldefinition rückt immer mehr in den Fokus der Aufseher.

Die teilweise hohen Bestände an notleidenden Krediten bei einer Reihe von Banken in Mitgliedstaaten im gesamten Euro-Währungsgebiet werden auch von der EZB als eines der Hauptrisiken der Finanzinstitute gesehen.

Vor dem Hintergrund, dass sich sowohl aus mikro- als auch aus makroprudenzieller Sicht ein planmäßiger und nachhaltiger Abbau notleidender Kredite in den Bankbilanzen positiv auf die Wirtschaft auswirkt, hat die EU Kommission im Juli 2017 einen Aktionsplan zum Abbau notleidender Kredite gestartet. Aus den laufenden Fortschrittsberichten ist bereits eine positive Tendenz zu erkennen. So hat sich die Quote an NPLs in europäischen Banken seit 2014 bereits mehr als halbiert.

Basis für die Regelungen zur Behandlung von notleidenden Krediten (NPL) und die Ausfalldefinition bildet der im März 2017 von der EZB veröffentlichte „Leitfaden für Banken zu notleidenden Krediten“. Der Leitfaden enthält Grundsätze, welche auf Basis von Best Practices erarbeitet wurden, und die aufsichtlichen Erwartungen an die Beurteilung von NPL-Beständen widerspiegeln.

Der Aufbau dieses Leitfadens orientiert sich am zeitlichen Ablauf der NPL-Steuerung, wie die folgende Abbildung zeigt.

Abbildung 1: Aufbau EZB-Leitfaden NPL

Zur Vereinheitlichung der zugrundeliegenden Definitionen für Ausfall und NPL wird in Kapitel 5 explizit auf die nachfolgende noch beschriebenen Definitionen der EBA in den „Leitlinien zur Anwendung der Ausfalldefinition gemäß Artikel 178 der Verordnung (EU) Nr. 575/2013“ (EBA/GL/2016/07) verwiesen.

Eine Ergänzung des EZB Leitfadens erfolgte im März 2018 durch das Papier „Ergänzung zum EZB Leitfaden für Banken zu notleidenden Krediten: aufsichtliche Erwartungen an die Risikovorsorge für notleidende Risikopositionen“.

Die EZB knüpft die in der Ergänzung enthaltenen aufsichtlichen Erwartungen an neue NPE, d. h. an Risikopositionen, die ab dem 1. April 2018 als notleidend eingestuft werden. Unter Berücksichtigung der spezifischen aufsichtlichen Erwartungen sollen Banken die EZB ab Jahresbeginn 2021 im Rahmen des SREP-Aufsichtsdialogs über sämtliche Fälle unterrichten, in denen ihre Vorgehensweise von den Erwartungen an die aufsichtliche Risikovorsorge abweicht.

Detailregelungen zu der ab 01. Januar 2021 anzuwendenden Ausfalldefinition hat die EBA im Rahmen der im September 2016 veröffentlichten „Leitlinien zur Anwendung der Ausfalldefinition gemäß Artikel 178 der Verordnung (EU) Nr. 575/2013“ (EBA/GL/2016/07) gegeben, die an die zuständigen Aufsichtsbehörden und CRR-Institute gerichtet sind.

In den Leitlinien werden alle Aspekte im Zusammenhang mit der Anwendung der Ausfalldefinition präzisiert. Dazu gehören das Kriterium der Verzugstage zur Ausfallidentifizierung, Indikationen für die Unwahrscheinlichkeit der Zahlung, den Bedingungen für die Rückkehr zum nicht ausgefallenen Status, Behandlung der Ausfalldefinition in externen Daten, Anwendung der Ausfalldefinition in einer Bankengruppe und spezifische Aspekte im Zusammenhang mit Retail-Exposures.

Die in der Leitlinie integrierten technischen Standards (RTS) legen die Bedingungen für die Festlegung des Wesentlichkeitsschwellenwerts für überfällige Kreditverpflichtungen fest und vereinheitlichen die Struktur und Anwendung des Schwellenwerts. Die Höhe des Schwellenwerts wird von den zuständigen Behörden festgelegt und anschließend von allen Instituten der Jurisdiktion umgesetzt.

Die folgende Abbildung zeigt die wesentlichen Regelungselemente.

Abbildung 2: Regelungselemente zu NPL

Dabei beinhalten die übergreifenden Regelungen insbesondere die folgenden Aspekte:

  • Anforderungen an Dokumentation der Übernahme der Regelungen in interne Richtlinien
  • Definition ausfallrelevanter Sachverhalte und Umgang bei Vorliegen eines Ausfallgrundes / Ausfallfestsetzung sowie Definition einheitlicher Prozesse zur Ausfallerfassung
  • Einheitliche Vorgaben zur Feststellung des Ausfalls eines Schuldners bei Einzelinstitut und Gruppe
  • Kohärente Anwendung der Ausfalldefinition für alle Risikopositionsarten

Die Neuregelungen zum 90-Tage-Verzug und zur Überfälligkeit beinhalten folgende Neuerungen:

  • Änderung Definition der Erheblichkeitsschwellen (Senkung von 2,5% auf 1%)
  • Definition der Kriterien der Überfälligkeit bei Feststellung eines Ausfalls, u.a.
    • Zählung von Verzugstagen
    • Technische Überfälligkeit
  • Gesundung erst nach Ablauf der vorgegebenen Wohlverhaltensperiode unter Einhaltung der Wohlverhaltenskriterien mit expliziten Anforderungen an Gesundung nach krisenbedingter Restrukturierung

Die Regelungen bezüglich der Unwahrscheinlichkeit des Begleichens von Verbindlichkeiten beinhalten die folgenden Beurteilungskriterien:

  • Verzicht auf Erhebung von Zinsen
  • Einzelwertberichtigung / Abschreibung
  • Veräußerung der Verbindlichkeit
  • Krisenbedingte Restrukturierung
  • Insolvenz
  • Verwertung von Sicherheiten
  • Mögliche weitere Kriterien: u.a. Kündigung, Betrug, Negative Kreditauskunft, Prozess, (Zwangs-) Vollstreckung, eingeschränkte Möglichkeit zur Rückzahlung, sonstige externe Informationen, Bruch der LTV-Höchstgrenze, Stundungen/Laufzeit-verlängerungen sowie Nichtbedienung von Tilgungsäquivalenten

Zusätzlich werden die Erheblichkeitsschwellen wie folgt neu definiert:

  • Mengengeschäft (Neu): überfällige Verbindlichkeit übersteigt die bilanziellen Risikopositionen um mehr als 1 %, aber mindestens um 100 Euro
  • Nicht-Mengengeschäft (Neu): überfällige Verbindlichkeit übersteigt die bilanziellen Risikopositionen um mehr als 1 %, aber mindestens um 500 Euro

Ermittlung der relativen Erheblichkeitsschwelle ist auf Betrag der in der Bilanz ausgewiesenen Risikopositionen und nicht mehr auf Gesamtrahmen abzustellen

In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf den technische Regulierungsstandard (RTS) der EU Kommission bezüglich der Erheblichkeitsschwelle für überfällige Verbindlichkeiten (EU) 2018/171 verweisen. Die darin enthaltenen Regelungen sollen noch in 2019 in die SolvV integriert werden.

Bei den Regelungen zur Gesundung und Wohlverhaltensperiode werden Ausfallereignisse aufgrund krisenbedingter Restrukturierung getrennt von sonstigen Ausfallereignissen geregelt.

Grundsätzlich gelten die folgenden Vorgaben zur Rückkehr zum nicht-ausgefallen Status:

  • Wohlverhaltensperiode dauert mindestens 3 Monate (Ausnahme Restrukturierung), während dieser sind die Finanzlage und das Verhalten zu berücksichtigen (z.B. nicht mehr als 30 Tage erheblicher Zahlungsrückstand)
  • Beginn der Wohlverhaltensperiode frühestens mit Entfall sämtlicher Ausfallereignisse
  • Vor Gesundung ist eine Prüfung vorzunehmen, dass die Bonität sich faktisch und dauerhaft verbessert hat (z.B. kein Vorliegen eines Zahlungsrückstands)
  • Einhaltung Wohlverhaltens-kriterien (Zahlungsverhalten)

Die Abweichungen bei Restrukturierung und Stundung bestehen insbesondere in einer abweichenden Wohlverhaltensperiode und den Gesundungsanforderungen wie:

  • Wohlverhaltensperiode von mindestens 12 Monaten
  • Zahlungen wurden regelmäßig nach dem neuen Zeitplan geleistet
  • zusätzliche Wohlverhaltenskriterien wie kein Zahlungsrückstand, Leistung eines zuvor überfälligen / abgeschriebenen Betrages
  • Volle Begleichung der Verbindlichkeiten wird als nicht unwahrscheinlich angesehen

Schematisch kann die Gesundungsprüfung wie folgt dargestellt werden:

Abbildung 3: Gesundungsprüfung

Die dargestellten Neuregelungen und Anpassungen der Ausfalldefinition betreffen sowohl KSA als auch die IRBA Institute. Neben der Notwendigkeit technisch-organisatorischer und prozessualer Anpassungen ist auch das neue Risikogewicht von 150% für ausgefallene Positionen mit möglicher Auswirkung auf Eigenkapitalanforderung zu berücksichtigen.

Institute, die interne Modelle nutzen, müssen zusätzlich zu den bereits dargestellten Leitlinien noch die EBA „Leitlinien für die PD-Schätzung, die LGD-Schätzung und die Behandlung von ausgefallenen Risikopositionen“ (EBA/GL/2017/16) beachten. Diese ist bis zum 01. Januar 2021 umzusetzen und mit einer Anpassung der internen Modelle verbunden. Die neuen / geänderten internen Modelle müssen schließlich nach einem entsprechenden Rekalibrierungs- und Validierungsprozess von der Aufsicht neu genehmigt werden.

Die BaFin hat mit Rundschreiben 3/2019 (BA) zur „Anwendung der Ausfalldefinition gemäß Artikel 178 der Verordnung (EU) Nr. 575/2013 (CRR) und zur PD-Schätzung, LGD-Schätzung und Behandlung von ausgefallenen Risikopositionen“ die unveränderte Übernahme der beiden dargestellten EBA Leitlinien mit Inkraftsetzung zum 01. Januar 2021 erklärt.

Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das Thema Ausfalldefinition und NPL bereits in der Liste der Prüfungsschwerpunkte im Rahmen der Vor Ort Prüfungen verankert ist. Erste Prüfungen im Rahmen der SREP Prüfungen sollen bereits in 2020 / 2021 stattfinden.

Neben den beschriebenen Dokumenten zur Ausfalldefinition und Definition von notleidenden Krediten hat die EBA im Oktober 2018 „Leitlinien über das Management notleidender und gestundeter Risikopositionen“ (EBA/GL/2018/06) veröffentlicht.

Die zum 30. Juni 2019 (mit Daten zum Stichtag 31.12.2018) erstmalig anzuwendenden Leitlinien enthalten u.a. Vorgaben zu den folgenden Bereichen:

  • Strategie für notleidende Risikopositionen
  • Bewertung operatives Umfeld
  • Implementierungsplan
  • Einbindung der Strategie für notleidende Risikopositionen
  • Governance und Ablauforganisation für notleidende Risikopositionen (incl. Kontrollrahmen und Kontrollebenen)
  • Stundung
  • Erfassung notleidender Positionen
  • Wertminderungen und Abschreibungen bei notleidenden Risikopositionen
  • Bewertung von Sicherheiten bei Immobilien und beweglichen Vermögenswerten
  • Beurteilung des Managements notleidender Risikopositionen und gestundeter Risikopositionen durch die Aufsichtsbehörden

Eine weitere Ergänzung der bisherigen Vorgaben ist durch das von der EBA im Februar veröffentlichte Konsultationspapier „Draft Guidelines on Credit Risk Mitigation for institutions applying the IRB Approach with own estimates of LGDs“ (EBA/CP/2019/01) mit einer Konsultationsfrist bis 25.05.2019 vorgesehen. Der zur Konsultation gestellte Leitlinienentwurf dient der Präzisierung des Rahmens für den Einsatz von Kreditrisikominderungstechniken im Rahmen des Advanced IRB-Ansatzes (A-IRB).

Die größten Herausforderungen aus den dargestellten Regelungen liegen sicherlich in den damit einhergehenden organisatorisch-technischen und prozessualen Anpassungsnotwendigkeiten. In diesem Zusammenhang sehen wir insbesondere einen Handlungsbedarf bei (internen) Regelungen und Prozessen im Risikomanagement und in der Kreditbetreuung entsprechend den neuen Regelungen. Dabei muss auch die Forderung einer Konformität der Regelungen für die Gruppe und über alle Risikoarten hinweg berücksichtigt werden.

Die Auswirkungen auf die Kapitalanforderungen sind Institutsindividuell zu ermitteln. Hierzu sollten möglichst zeitnah Proberechnungen erfolgen, um frühzeitig eine mögliche Kapitallücke aufzudecken. Eine Prüfung soll bereits im Rahmen des SREP zu ICAAP / ILAAP im Jahr 2020 bzw. 2021 erfolgen.

Zusätzlich müssen interne Modelle Institute ihre angepassten Modelle rechtzeitig von der Aufsicht neu genehmigen lassen, woraus sich auch ein akuter Handlungsbedarf ableiten lässt.

Sehr gerne diskutieren die Experten von RFC Professionals mit Ihnen die individuellen Auswirkungen der neuen Anforderungen sowie die sich ergebenden Handlungsnotwendigkeiten und unterstützen Sie bei der Umsetzung und Implementierung der neuen Vorgaben. Wir sind jederzeit gerne für Sie da! Ihre Ansprechpartner erreichen Sie per Mail.

Daniel Jürgens

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Sandra Schmolz

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