Auslegungsentscheidung der BaFin zu den Versicherungstechnischen Rückstellungen

Die BaFin veröffentlichte eine Auslegungsentscheidung, die Erläuterungen gibt, wie Versicherungsunternehmen die „Angemessenheit der Bewertungsmethode für versicherungstechnische Rückstellungen“ prüfen sollen. Im eigentlichen Wortlaut ergibt sich durch den Artikel 56 im Abschnitt 6 „Proportionalität und Vereinfachung“ der Delegierten Verordnung (EU) 2015/35 in Ergänzung der Richtlinie 2009/138/EG folgende Anforderungen an Versicherungsunternehmen:

Artikel 56 Angemessenheit

  1. Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen verwenden zur Berechnung der versicherungstechnischen Rückstellungen der Art, dem Umfang und der Komplexität der ihren Versicherungs- und Rückversicherungsverpflichtungen zugrunde liegenden Risiken angemessene Methoden.
  2. Bei der Bestimmung einer zur Berechnung der versicherungstechnischen Rückstellungen angemessenen Methode führen Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen eine Prüfung durch, die Folgendes umfasst: (a) eine Prüfung der Art, des Umfangs und der Komplexität der ihren Versicherungs- und Rückversicherungsverpflichtungen zugrunde liegenden Risiken; (b) eine qualitative oder quantitative Bewertung des Fehlers in den Ergebnissen der Methode infolge einer Abweichung zwischen i) den zugrunde liegenden Annahmen der Methode im Verhältnis zu Risiken; ii) den Ergebnissen der Bewertung nach Buchstabe a.
  3. In die Bewertung gemäß Absatz 2 Buchstabe a fließen alle Risiken ein, die sich auf den Betrag, den Zeitpunkt oder den Wert der zur Erfüllung der Versicherungs- und Rückversicherungsverpflichtungen während ihrer Laufzeit erforderlichen Zahlungszu- und -abflüsse auswirken. Zwecks Berechnung der Risikomarge umfasst die Bewertung alle in Artikel 38 Absatz 1 Buchstabe i genannten Risiken über die Laufzeit der zugrunde liegenden Versicherungs- und Rückversicherungsverpflichtungen. Die Prüfung beschränkt sich auf die Risiken, die für den Teil der Berechnung der versicherungstechnischen Rückstellungen, auf den die Methode angewendet wird, relevant sind.
  4. Eine Methode gilt hinsichtlich der Art, des Umfangs und der Komplexität der Risiken als nicht angemessen, wenn der Fehler nach Absatz 2 Buchstabe b zu einer fehlerhaften Darstellung der versicherungstechnischen Rückstellungen oder ihrer Bestandteile führt, die die Adressaten der Informationen über den Wert der versicherungstechnischen Rückstellungen in ihren Entscheidungen oder Beurteilungen beeinflussen könnte, es sei denn: (a) es ist keine andere Methode mit einem geringeren Fehler verfügbar, und die Methode führt voraussichtlich nicht dazu, dass die versicherungstechnischen Rückstellungen zu niedrig angesetzt werden; (b) die Methode führt zu einem Betrag an versicherungstechnischen Rückstellungen des Versicherungs- oder Rückversicherungsunternehmens, der höher ist als der Betrag, der sich bei Verwendung einer proportionalen Methode ergeben würde, und die Methode führt nicht dazu, dass das inhärente Risiko der Versicherungs- oder Rückversicherungsverpflichtungen, auf das die Methode angewendet wird, zu niedrig angesetzt wird.

Konkret erläutert die BaFin nunmehr:

Als angemessene Methode wird die „Methode des besten Schätzwertes, wie auch die Methode zur Ermittlung der Risikomarge und der einforderbaren Beträge aus Rückversicherung und gegenüber Zweckgesellschaften genannt, was wiederum zunächst eine Bestandsaufnahme der zugrundeliegenden Risiken umfasst (Artikel 56, Abs.2)

Gemäß Art. 56 Abs. 3 Satz 3 DVO sind dabei all diejenigen Risiken zu betrachten, die für die Bewertung des Teils der vt. Rückstellungen relevant sind, der beurteilt wird. Alle Risiken, die sich über die Laufzeit der vt.Verpflichtungen auf den Betrag, den Zeitpunkt oder den Wert der in die Bewertung der vt. Rückstellungen eingehenden Zahlungsströme auswirken, fließen in die Betrachtung ein. Für die Zwecke der Beurteilung der Angemessenheit der Methode zur Ermittlung der Risikomarge sind alle in Art. 38 Abs. 1 Bst. I DVO genannten Risiken über die Laufzeit der Verpflichtungen zu betrachten. Somit ist die Methode von jedem Unternehmen individuell unter Grundlage aller Versicherungsverbindlichkeiten vorzunehmen.

In einem weiteren Schritt ist gemäß Artikel 56 Abs. 2 DVO eine Wertung erforderlich, welche Effekte sich in den Resultaten der vom Versicherungsunternehmen ausgewählten Handhabung dadurch ergeben, dass die dem Vorgehen der zugrundeliegenden Annahmen in Bezug auf die Risiken von den im ersten Schritt identifizierten Risiken abweichen. Eine solche Abweichung kann etwa dann aufkommen, wenn der Methode vereinfachte Annahmen zur Abbildung der Risiken zugrunde liegen.

Die Analyse mündet in der Bewertung einer Gesamtauswirkung der betrachteten Abweichungen im Ergebnis der Methode, dem sog. Fehler. Der Fehler entspricht somit der Abweichung zwischen dem Ergebnis der Methode und der Zielgröße in Form von z.B. dem besten Schätzwert als erwarteter Barwert künftiger Zahlungsströme. Die Bewertung des Fehlers gem. Art. 56 Abs. 2 Bst. b DVO stellt dagegen nicht darauf ab, die Abweichung der Höhe der vt. Rückstellungen von den tatsächlich zukünftig eintretenden Aufwendungen in der Abwicklung der Verpflichtungen zu ermitteln. Diese lassen sich immer erst im Nachhinein feststellen.

Eine Methode ist nach Art. 56 Abs. 4 DVO nicht angemessen, wenn die Beurteilung des Fehlers ergibt, dass es zu einer fehlerhaften Darstellung der vt. Rückstellungen oder ihrer Bestandteile kommt, die die Adressaten der Informationen in ihren Entscheidungen oder Beurteilungen beeinflussen könnte. In diesem Fall liegt ein wesentlicher Fehler vor.

Die Beurteilung, ob der Fehler wesentlich im obigen Sinne ist, erfolgt in Hinblick auf alle Komponenten der vt. Rückstellungen, d.h. den besten Schätzwert, die Risikomarge und die einforderbaren Beträge. Die Betrachtung kann auf Ebene der gesamten Geschäftstätigkeit, auf Ebene der einzelnen Geschäftsbereiche oder auf Ebene der homogenen Risikogruppen erfolgen.

Ist der Fehler wesentlich, gilt eine Methode nur dann als angemessen, wenn entweder

  1. keine Methode mit einem geringeren Fehler verfügbar ist und die Methode voraussichtlich nicht dazu führt, dass die vt. Rückstellungen zu niedrig angesetzt werden oder
  2. die Methode zu einem höheren Betrag führt als dem, der sich bei Verwendung einer proportionalen Methode ergäbe und keine Unterschätzung des Risikos der Verpflichtungen durch die Wahl der Methode resultiert.

Über die Ergebnisse der durchgeführten Untersuchungen – inklusive der Bestandsaufnahme der den Versicherungsverpflichtungen zugrundeliegenden Risiken – ist daher im RSR im Teil D unter „D.2 Versicherungstechnische Rückstellungen“ zu berichten.

Die verwendeten Methoden sollten grundsätzlich stetig angewandt werden. Ein Wechsel der Methode von Stichtag zur Stichtag ist nur in begründeten Fällen möglich. Ein Methodenwechsel ist hingegen dann notwendig, wenn festgestellt wird, dass die bisher verwendete Methode nicht länger angemessen ist.

Die Experten von RFC Professionals begleiten seit vielen Jahren erfolgreich aufsichtliche Veränderungen und hieraus resultierende Anpassungen. Gerne unterstützen wir Sie bei den notwendigen Anpassungen im Rahmen der Angemessenheitsprüfung von versicherungstechnischen Rückstellungen. Wir sind für Sie da!

Alexander Wolf

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