Am 20. Mai 2020 startete die EZB eine öffentliche Konsultation zu ihrem Leitfaden über Klima- und Umweltrisiken

Von Banken wird erwartet, dass sie Klima- und Umweltrisiken in ihre Geschäftsstrategie integrieren und bei der Unternehmensführung, beim Risikomanagement und beim Reporting berücksichtigen. Der Leitfaden zielt darauf ab, das Bewusstsein der Branche für Klima- und Umweltrisiken weiter zu schärfen und das diesbezügliche Risikomanagement zu verbessern. Darüber hinaus soll er als Grundlage für den Aufsichtsdialog (SREP) dienen. Die Konsultationsfrist endet am 25. September 2020.

Der EZB Leitfaden über Klima- und Umweltrisiken ist so konzipiert, dass er sich in den Rahmen des geltenden Rechts der Europäischen Union und des nationalen Rechts einfügt. Damit soll die Bereitschaft der Banken für den Umgang mit Klima- und Umweltrisiken im Rahmen der geltenden Aufsichtsvorschriften gefördert werden. Er ist weiters synchronisiert mit dem Aktionsplan der Europäischen Kommission zur Finanzierung eines nachhaltigen Wachstums sowie dem Aktionsplan der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) zur nachhaltigen Finanzierung.

Bei der geforderten transparenten Offenlegung der Klima- und Umweltrisiken durch die Banken sollen vor allem Risiken berücksichtigt werden, die die bestehenden aufsichtsrechtlichen Risikoarten beeinflussen und erhebliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft und den Bankensektor als Ganzes haben können.

Trotz der für die Banken infolge der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) existierenden erheblichen Herausforderungen strebt die EZB an, das Management und die Offenlegung von Klima- und Umweltrisiken im Bankensektor voranzutreiben.

Unterschiedliche Anwendung bei SI und LSI

Systemrelevante Banken (SI): Im Zuge des aufsichtlichen Dialogs sind bedeutende Institute beginnend mit dem Jahresende 2020 dazu aufgefordert, die EZB über jegliche Abweichungen ihrer Vorgehensweisen von den hier beschriebenen aufsichtsseitigen Erwartungen in Kenntnis zu setzen.

Weniger systemrelevante Banken (LSI): Der EZB-Leitfaden wurde in Zusammenarbeit mit den nationalen Aufsichtsbehörden erstellt und somit gelten die essentiellen Bestimmungen des EZB-Leitfadens ebenfalls für LSI, auch wenn durch die lokalen Aufsichten etwaige weitere Orientierungshilfen und ähnliche weiterführende Veröffentlichungen erfolgen.

In Deutschland hat beispielsweise die Bafin bereits in Dezember 2019 ein Merkblatt zum Thema veröffentlicht (siehe https://rfc-professionals.com/rfc-blog-bafin-veroeffentlicht-ihre-erwartungen-zum-umgang-mit-nachhaltigkeitsrisiken/), in Österreich die FMA im Februar 2020 mit einer Konsultation zu einem Leitfaden begonnen (siehe https://www.fma.gv.at/download.php?d=4288).

Status Quo

Die EZB und die EBA haben die Ausgangsposition der Banken hinsichtlich Risikomanagement von Klima- und Umweltrisiken beurteilt.

Die meisten Institute behandeln dieses Thema unter dem Titel „soziale Verantwortung von Unternehmen“ (Englisch „Corporate Social Responsibility“) und sehen daher noch nicht die Notwendigkeit, es als Teil eines umfassenden Risikomanagementansatzes umzusetzen. Die Relevanz von physischen Risiken sowie von Transitionsrisiken ist weitgehend anerkannt und ein Großteil der Institute scheint schon mindestens eine Nachhaltigkeitsmaßnahme umgesetzt zu haben. Trotzdem verfügen die meisten über keine Instrumente, mit denen sich die Auswirkungen von Klima- und Umweltrisiken auf ihre Bilanz prüfen lassen. Wenige Institute berücksichtigen die Klima- und Umweltrisiken vollständig in ihrem Risikomanagement-Rahmenwerk, also bei der Risikomessung, der Bestimmung ihres Risikoappetits, der Durchführung von Stresstests und von Szenarioanalysen sowie der Beurteilung der Auswirkungen auf die Angemessenheit ihrer Kapitalausstattung. Die Taxonomien hinsichtlich Klimarisiken sind sehr heterogen, normalerweise wird Klimarisiko unter den Risikoarten Kreditrisiko, strategisches Risiko, Geschäftsrisiko, Operationelles Risiko oder Reputationsrisiko mit integriert.

Struktur und Umfang des Leitfadens

Die Erwartungen der EZB bezüglich der Berücksichtigung von Klima- und Umweltrisiken sind in 4 Bereichen in 13 wesentliche Erwartungen unterteilt, die in weiteren 50 Unterpunkten detailliert erläutert werden. Die 13 Erwartungen lauten:

Bereich Nr. Erwartung Begründung
Geschäftsmodell und Geschäftsstrategie 1 Verständnis der Auswirkungen auf das Geschäftsumfeld fundierte strategische und geschäftliche Entscheidungen treffen
2 Berücksichtigung wesentlicher Faktoren für die Geschäftsstrategie Wirksamkeit der bestehenden und zukünftigen Strategien messen
Governance und Risikoappetit 3 Berücksichtigung und Überwachung der Klima- und Umweltrisiken durch Leitungsorgane Rollen und Verantwortlichkeiten bei Entscheidungsträger zuweisen
4 Explizite Aufnahme der Klima- und Umweltrisiken in das Rahmenwerk für den Risikoappetit Risiken besser steuern, Widerstandsfähigkeit stärken
5 Verteilung der Zuständigkeit für die Steuerung gemäß des 3-LOD Modell Sicherstellen, dass Risiken von den entsprechenden Einheiten ermittelt, beurteilt, gemessen, überwacht und ordnungsgemäß berichtet werden
6 Aufnahme aggregierter Risikodaten und Risiko-Exposure in die interne Berichterstattung Grundlage für fundierte Entscheidungen beim Leitungsorgan schaffen
Rahmenwerk für das Risikomanagement 7 Integration der Risiken in das bestehende RM-Rahmenwerk (inkl. Steuerung und Überwachung) Gesamtprozess zur Sicherstellung einer angemessenen Kapitalausstattung bestimmen und quantifizieren
8 Berücksichtigung im gesamten Kreditgewährungsprozess Auswirkungen auf Ausfälle messen und Kreditrisiko steuern
9 Verständnis der Auswirkung auf das operationelle Risiko, sowie auf Reputations- und/oder Haftungsrisiken Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs sicherstellen
10 Monitoring der Auswirkungen auf aktuelle Marktrisikopositionen und künftigen Anlagen Mögliche Wertveränderungen berücksichtigen und Marktrisiken steuern
11 Überprüfung der Angemessenheit von Stresstests Risiken in Basisszenario und in adversen Szenarien aufnehmen
12 Auswirkungen auf Nettozahlungsmittelabflüsse und Liquiditätspuffer Liquiditätsrisikos und die Kalibrierung der Liquiditätspuffer steuern
Offenlegung 13 Veröffentlichung aussagekräftiger Informationen und zentraler Kennzahlen In Einklang mit den „Leitlinien für die Berichterstattung über nichtfinanzielle Informationen: Nachtrag zur klimabezogenen Berichterstattung“ berichten

EZB-Leitfaden im Lichte des EBA Programms für 2020

Die Einbeziehung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Erwägungen (ESG) wird von der EBA fortgesetzt. Die Behörde will die zweite Phase der vorbereitenden Arbeiten zur Offenlegung und Risikobewertung im Bereich der Nachhaltigkeit abschließen, was zu einem Diskussionspapier über die Einbeziehung von ESG im Rahmen des Risikomanagement führen wird. Die EBA will auch vorbereitende Arbeiten zur Klassifizierung und aufsichtsrechtlichen Behandlung von Vermögenswerten unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit durchführen sowie Technische Standards zur Offenlegung erlassen.

Das Thema Nachhaltigkeit wird momentan nicht als Einzelpunkt unter den EBA Aktivitäten angeführt, sondern zusammen mit den Themen Bankenmärkte, Verbriefung und gedeckte Schuldverschreibungen auf Platz 17 der Aktivitätenliste. Die EBA versteht ihre Aktivitäten als Unterstützung der Europäischen Kommission zum Aktionsplan1 und will einen Beitrag im Hinblick auf die Taxonomie für nachhaltige Finanzen und die Standards für grüne Anleihen leisten. Diese Tätigkeiten erfolgen im Rahmen des spezifischen Mandats der EBA gemäß CRD, der CRR, IFD und IFR2 .

Auf lokaler Ebene soll zum Beispiel in Deutschland laut BaFin das Management von Nachhaltigkeitsrisiken einer der vier Aufsichts-Schwerpunkte 2020 sein und ab 2021 sogar systematisch durch Aufsichtsinstrumente erfasst und adressiert werden.

In Österreich hat die FMA2 die Auswirkungen des Klimawandels nicht als eigenen Aufsichts- und Prüfschwerpunkt aufgenommen. Sie wird aber eine Analyse der Auswirkungen sowie eine Erhebung des Ist-Standes beim Management von ESG-Risiken durch die Erarbeitung eines Leitfadens umsetzen, um damit die Krisenfestigkeit der Banken zu stärken.

Beide Aufsichtsorgane, BaFin und FMA, sind u.a. Teil des Nachhaltigkeitsnetzwerks „Network on Greening the Financial System“ (NGFS). Eines der Ziele dieser Gruppe ist die Stärkung der Rolle des Finanzsystems beim Steuern von Klimarisiken u.a. durch die Erarbeitung eines Handbuchs für Aufsichtsbehörden sowie die Entwicklung klimarisikobezogener Szenarien und entsprechender Anwendungsrichtlinien als Bestandteil der operationellen Tätigkeiten von Banken.

Sehr gerne diskutieren die Experten von RFC Professionals mit Ihnen die aus den nun veröffentlichten Empfehlungen abzuleitenden Handlungsnotwendigkeiten und Herausforderungen im Kontext „Green Finance“ und „Nachhaltigkeit“. Sprechen Sie uns gerne jederzeit dazu an!

Gerald Hessenberger

Gerald Hessenberger

Ina Dimitrieva

Ina Dimitrieva

1 https://ec.europa.eu/info/publications/180308-action-plan-sustainable-growth_en

2 Investment Firms Directive (IFD) und Investment Firms Regulation (IFR)

3 Bhttps://www.fma.gv.at/fma-veroeffentlicht-die-aufsichts-und-pruefschwerpunkte-2020-und-praesentiert-die-publikation-fakten-trends-und-strategien-2020/