Neue Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte

Für bedeutende Institute (Significant Institutions – SIs) hat die EZB bereits im Februar 2017 in ihrem Schreiben „Multi-year plan on SSM Guides on ICAAP and ILAAP“ ihre Erwartungen an die Risikotragfähigkeitskonzepte dieser Institute konkretisiert. Für weniger bedeutende Institute (Less Significant Institutions – LSIs), die aktuell durch die deutsche Aufsicht auf Basis der Leitlinie „Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte“ aus dem Jahr 2011 überwacht werden, hat die BaFin am 24.05.2018 den Leitfaden „Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessualer Einbindung in die Gesamtbanksteuerung („ICAAP“) – Neuausrichtung“ veröffentlicht. Ziel ist die praxisnahe Auslegung der im SSM harmonisierten Beurteilungskriterien zu Risikotragfähigkeitskonzepten unter Berücksichtigung des Proportionalitätsprinzips. Im vergangenen Jahr hatte die BaFin den Marktteilnehmern und Interessenverbänden Gelegenheit gegeben, den Entwurf zu kommentieren.

Gemäß MaRisk AT 4.1 Tz. 2 soll die Sicherstellung der Risikotragfähigkeit zum einen dazu dienen, die Fortführung des Instituts zu gewährleisten, und zum anderen Gläubiger vor Verlusten zu schützen. Als wesentliche Neuerung berücksichtigt der Leitfaden – in Übereinstimmung mit den Anforderungen für SIs – diese beiden Ziele explizit und fordert zur Erreichung der Ziele, zwei komplementäre Perspektiven anzuwenden.

Die normative Perspektive orientiert sich an aufsichtlichen und regulatorischen Kennzahlen der Verordnung (EU) Nr. 575/2013 (Capital Requirements Directive – CRR) sowie deren Berechnungslogik (u.a. EK-Anforderungen, Höchstverschuldungsquote, Kapitalpuffer, Großkreditgrenzen etc.) und verfolgt das Ziel der Gewährleistung der Fortführung des Instituts. Das Risikodeckungspotenzial basiert primär auf den regulatorischen Eigenmitteln der Säule 1. Analog werden Adress- und Marktpreisrisiken sowie operationelle Risiken auf Basis der Vorgaben der CRR quantifiziert. Weitere wesentliche Risken aus der Risikoinventur sind zudem einzubeziehen. Die Kapitalplanung hat einen Zeitraum von mindestens 36 Monaten abzudecken und ist mindestens jährlich fortzuschreiben. Weiterhin ist bei der Kapitalplanung neben dem Planszenario auch mindestens ein adverses Szenario zu berücksichtigen.

Demgegenüber ist die ökonomische Perspektive losgelöst von der externen Rechnungslegung und aufsichtlichen Vorgaben, um auch solche Bestandteile zu identifizieren, die dort nur unzureichend abgebildet werden oder verzerrend wirken können. Ziel ist es, Gläubiger vor Verlusten zu schützen und somit langfristig die Substanz des Instituts zu sichern. Bei barwertiger Berechnung wird das Risikodeckungspotenzial vom Barwert aller Vermögenswerte und Verbindlichkeiten sowie außerbilanziellen Positionen abgeleitet. Die Risikoquantifizierung muss neben unerwarteten auch erwartete Verluste umfassen, sofern erwartete Verluste nicht bereits bei der Bestimmung des Risikodeckungspotenzial berücksichtigt wurden. Neben der barwertigen Risikotragfähigkeit werden unter Berücksichtigung des Proportionalitätsprinzips abhängig von der Größe und Komplexität des jeweiligen Instituts zwei vereinfachten Verfahren ermöglicht (barwertnahe Risikotragfähigkeit oder „Säule 1+“ Risikotragfähigkeit), die sich an die ökonomische Perspektive, ausgehend von den Risikowerten der Säule 1, annähern. Die Risikotragfähigkeitsbetrachtung in der ökonomischen Perspektive erfolgt über einen einheitlich langen Betrachtungshorizont (rollierende Fortschreibung) von einem Jahr.

Die normative Perspektive und die ökonomische Perspektive bieten unterschiedliche Blickwinkel auf die Risikotragfähigkeit eines Instituts und sollen eng miteinander verknüpft werden, d.h. beide Perspektiven sind in die Gesamtbanksteuerung zu integrieren und eng zu verzahnen. Insgesamt ist auf Basis des Leitfadens für Institute, die direkt der deutschen Aufsicht unterstehen, eine weitgehende Überarbeitung und Neuausrichtung bestehender Risikotragfähigkeitskonzepte notwendig. Die geltenden Going-Concern-Ansätze „alter Prägung“ sind bis auf weiteres zulässig und wurden dementsprechend in einen Annex übernommen. Allerdings wird der „Going-Concern“-Ansatz aufgrund der Harmonisierungsbestrebungen innerhalb des SSM, wohl eher zeitlich begrenzt sein (Fristen hierzu sind derzeit keine bekannt).

Fristen zur Umsetzung sind mit der Veröffentlichung des neuen Leitfadens nicht verbunden. Die Erwartungshaltung der Aufsicht an Banken, die die bisherigen „Going-Concern“-Ansätze nutzen und weiternutzen möchten, ist allerdings, dass sich diese mit den neuen Ansätzen auseinandersetzen und eine adäquate neue Risikotragfähigkeitskonzeption entwickeln, planen und projektieren.

Die Experten von RFC Professionals begleiten seit vielen Jahren Banken bei der Umsetzung von Risikotragfähigkeitskonzepten. Gerne unterstützen wir Sie bei der Bewertung der Auswirkungen der ICAAP Neuausrichtung auf Ihr Institut und deren Umsetzung. Sprechen Sie uns an!


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Volker Oostendorp

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Matthias Oßmann

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